Editorial

Besonderes Merkmal des Studio Magazins sind die persönlichen Kommentare des Chefredakteurs Fritz Fey auf seiner Editorial-Seite. Hier finden Sie eine persönliche Auswahl von Texten, die in über 30 Jahren Studio Magazin entstanden sind und sich kritisch oder humorvoll mit zeitaktuellen Branchenentwicklungen oder Trends auseinandersetzen.

Ungeduldig

Rein rechnerisch vollenden wir das 40. Erscheinungsjahr des Studio Magazins genau zum Ende des Jahres 2017, denn im Januar 1978 erschien die erste Ausgabe. Offiziell damit beschäftigen wollen wir uns inhaltlich aber erst in der Januar-Ausgabe 2018. Als ungeduldige Natur kann ich aber trotzdem nicht umhin, zum Jahreswechsel doch ein paar Worte im Angesicht dieses besonderen Datums niederzuschreiben. Nach vierzig Jahren muss man seine Erinnerungen an die Gründerzeit schon fast in die Kategorie 'Was der Großvater noch wusste' einordnen. Ich war 27 Jahre alt, verdiente mein Geld als freiberuflicher Toningenieur und hatte die Idee, dass die Kollegen doch eventuell ein deutschsprachiges Pro-Audio-Magazin gebrauchen könnten. Der Begriff 'Pro Audio' gehörte damals noch nicht zum alltäglichen Wortschatz, sondern man sprach von 'Studiotechnik' und 'Tonkutschern'. Der Zusatz 'analog' im Zusammenhang mit Studiotechnik war nicht erforderlich, denn schlichtweg alles war analog. Es gab keine CD im Jahre 1978, kein Mobiltelefon und den ganzen heute selbstverständlichen Digitalkram ebenso wenig. Die jüngere Generation wird sich fragen, wie wir das überleben konnten. Da ich aber noch da bin, muss es ja irgendwie geklappt haben. In vierzig Jahren hat sich unsere Branche extrem gewandelt. Was heute normal ist, wäre seinerzeit nicht einmal als abstruse Zukunftsvision durchgegangen. Mit einer 16-Spur-Maschine fühlten wir uns damals als 'Super-Manipulatoren', denn man konnte neben der eigentlich üblichen Methode, Aufnahmen direkt auf einer Stereo-Bandmaschine zu verewigen, nachträglich die Balance der Mischung, den Klang der Stimmen und Instrumente verändern, in eine laufende Aufnahme 'eindroppen' und künstlichen Nachhall hinzufügen. Grundgütiger, welch eine technische Sensation! Ich möchte nicht dahin zurück, aber ich würde mir wünschen, die Erfahrungen aus dieser Zeit in die Zukunft mitgenommen zu wissen. Damals kamen Musiker perfekt vorbereitet ins Studio und konnten ihr Zeug im Schlaf spielen, vielmehr noch, das Adrenalin stand bis unter die Schädeldecke und sie waren bereit, an ihre kreativen und spielerischen Grenzen zu gehen. Das hat man gehört und es gibt auch (noch?) kein technisches Hilfsmittel, diese Spannung nachträglich aufzubauen. Die totale technische Manipulation in jedweder Hinsicht, die wir heute mit unzähligen fantastischen Werkzeugen genießen dürfen, machen Musiker faul, zumindest bisweilen, um nicht alle über einen Kamm zu scheren. Viel schlimmer noch, die Musiker wissen heute selbst, was technisch geht, und dementsprechend sicher fühlen sie sich, jede Art von Fehler nachträglich korrigieren zu können. Es ist ein Unterschied, ob ich über einen Balken in zehn Metern Höhe mit oder ohne Sicherheitsseil balanciere. Ich sehe ein, dass es nicht einfach ist, sich diesen Balanceakt ohne Seil vorzustellen und auch so zu handeln, wenn man weiß, dass man nicht herunterfallen kann. Über diese Anspannung im denkbar positivsten Sinne, die damals viele Musikproduktionen ohne Fangseil auszeichnete, kann man heute noch staunen und deshalb finde ich es auch so wichtig, diesen Geist am Leben zu erhalten. Wenn Menschen handgemachte Musik produzieren, können wir als Tonkutscher dazu beitragen, eine bestmögliche Arbeitsatmosphäre zu schaffen, damit das Abenteuer Musik gelingen kann. Ich treffe immer wieder Kollegen, die den technischen Overkill bewusst beiseite schieben, um Musikern eine vollständige kreative Entfaltung zu ermöglichen. Dazu muss man nicht einmal ein studiotechnischer Veganer werden, sondern einfach nur (verantwortungs)bewusster handeln. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und ihrer Familie einen perfekten Start in das neue Jahr! Bleiben Sie gesund! Nochmal vierzig Jahre werde ich aller Voraussicht nach nicht schaffen, aber wahrscheinlich würden wir uns in vierzig Jahren wehmütig an die goldenen Zeiten der DAW erinnern, als die technischen Möglichkeiten noch so herrlich beschränkt waren und man noch Menschen brauchte, um Musik zu produzieren.