Editorial

Besonderes Merkmal des Studio Magazins sind die persönlichen Kommentare des Chefredakteurs Fritz Fey auf seiner Editorial-Seite. Hier finden Sie eine persönliche Auswahl von Texten, die in über 40 Jahren Studio Magazin entstanden sind und sich kritisch, nachdenklich oder humorvoll mit zeitaktuellen Branchenentwicklungen oder Trends auseinandersetzen.

Gute Reise, Gerd!

Ich widme diesen Text einem Mann, der zu den ganz frühen Förderern und Unterstützern der Studio-Magazin-Mission gehörte und uns bis in die Gegenwart als redaktioneller Ratgeber bei technischen Fragen bereitwillig zur Verfügung stand – Gerd Jüngling. In den Anfangsjahren wertete er die redaktionelle Qualität des Studio Magazins durch zahlreiche Fachbeiträge über die analoge Audiotechnik deutlich auf, was sich 1990 in einem Sonderheft über analoge Mischpulttechnik fortsetzte, das er als Autor im Alleingang für uns verfasste. Seine Abschlussarbeit zum Diplom-Ingenieur war ein kompaktes Mischpult, das seinen weiteren beruflichen Werdegang vorbestimmen sollte, obwohl er zunächst den Bau eines Studios im Visier hatte. Die in seinem Prüffeld bis heute vorhandene Regiescheibe und ein nie weggeräumtes Möbel für die Aufnahme von Bandmaschinen, das die ganze Zeit über als Ablagefläche für die Prüflinge diente, zeugen noch von seinem ursprünglichen Plan, der aber, aus heutiger Sicht zum Glück, nie realisiert wurde. Stattdessen entwickelte sich seine Firma ADT-audio schnell zum Garanten für kreative, hochwertige analoge Studiotechnik, über 40 Jahre. In der Blütezeit dieser Technologie wurden rund 350 große Pulte der Serie 5MT gebaut, mit Untermodell-Reihen wie S, MR, C oder Magnum, darunter auch ein später entwickeltes Surround-Modell mit der Bezeichnung SRC51. Der Grund, Gerd Jüngling an dieser Stelle zu würdigen, ist leider ein sehr, sehr trauriger: Er starb am 12. Oktober 2020 nach kurzer schwerer Krankheit und wurde mitten aus seinem Berufsalltag gerissen. Die letzten fünfzehn Jahre seines Schaffens waren nicht mehr hauptsächlich von der Mischpulttechnik geprägt, sondern von der Entwicklung einer auch international erfolgreichen, modularen Gerätelinie mit Klanggestaltungswerkzeugen und Problemlösern aus allen denkbaren Kategorien. Gerd Jüngling war kein Freund großer Worte. Ich habe ihn in unserer 45 Jahre währenden Freundschaft als absolut genialen Entwickler und wandelnde Audio-Enzyklopädie kennengelernt, dessen Werk sicherlich zu den am meisten unterschätzten Lebensleistungen gehört. Er war ein schnörkelloser, emsiger Arbeiter, der sich einer prahlerischen Vermarktung seiner Ideen konsequent entzog und zeitlebens seine Produkte ab Werk verkaufte. Ehrliche Arbeit für einen fair kalkulierten Preis, im Zweifelsfall zu seinem Nachteil. Ich würde ihn dennoch auch als Künstler bezeichnen, der eine analoge Schaltung als atmenden Organismus betrachtete und als solchen auch zu durchschauen wusste. Gerd lebte in seinem selbst erschaffenen Kosmos einer komplexen, autarken Ein-Mann-Produktionsstätte, von der Entwicklungsidee über das Platinen-Layout, die Metallverarbeitung, Gravur und Bestückung bis zum versandfertig getesteten Produkt – alles im Alleingang. Er bewegte sich fast ausschließlich in dieser Welt – zurückgezogen, aber glücklich und zufrieden, genauso, wie er es wollte. Über seinen Status als leidenschaftlicher Entwickler hinaus kannte ich Gerd aber auch als einen hilfsbereiten Menschen mit einem großen Herzen, der immer ein offenes Ohr für die Belange seiner Freunde und Kunden hatte, wenn er am anderen Ende der Leitung ein ehrliches Anliegen spürte. Stundenlange Gespräche mit ihm begannen oft mit dem Satz: ‚Ich habe eigentlich keine Zeit‘. Aber dann nahm er sie sich trotzdem und versorgte sein Gegenüber mit einem Schwall von Expertenwissen, dem man ohne volle Konzentration manchmal kaum folgen konnte. Für ihn war das immer alles so einfach und klar. Ich habe viel von Gerd gelernt, sehr viel! Mit seinem Tod geht all dieses wertvolle, schier unerschöpfliche Wissen über die analoge Studiotechnik verloren, verbindet es aber auch untrennbar mit seinem Namen. Gerd Jüngling starb viel zu früh im Alter von 67 Jahren und wurde in seiner Heimatstadt Gladbeck in aller Stille beigesetzt. Er hinterlässt eine kaum zu schließende Lücke, nicht nur als technisches Genie mit einem unglaublichen Talent, sondern auch als Freund, Mensch mit Herz und liebenswerter Zeitgenosse. Ich werde ihn schmerzlich vermissen und die von ihm entwickelten Geräte in Ehren halten, die in jeder meiner Mastering-Sessions aufgrund ihres exzellenten Klangs und ihrer herausragenden Qualität im Einsatz sind. Für immer danke und gute Reise, mein lieber Gerd!