Editorial

Besonderes Merkmal des Studio Magazins sind die persönlichen Kommentare des Chefredakteurs Fritz Fey auf seiner Editorial-Seite. Hier finden Sie eine persönliche Auswahl von Texten, die in über 40 Jahren Studio Magazin entstanden sind und sich kritisch, nachdenklich oder humorvoll mit zeitaktuellen Branchenentwicklungen oder Trends auseinandersetzen.

Luft und Licht

Mit wachsender Erfahrung, aber auch im Zuge der Zeit, verändert sich die Meinung darüber, was für ein Studio, gleich welchen Aufgabenbereichs, denn eigentlich wichtig ist. Früher hätten vielleicht die große Analogkonsole und zwei synchronisierte 24-Spur-2-Zoll-Maschinen die obersten Plätze belegt, eine Mischpultautomation, ein digitales Hallgerät der Premiumklasse oder der 35-mm-Filmprojektor nebst Steenbeck Schneidetisch und Albrecht Cordläufer. Aber auch schon in dieser Zeit war das Raumdesign ein ganz wichtiger Faktor – das Studio als besonderer Ort, in dem kreative Prozesse begünstigt werden. Das Besondere konnte eine chaotische, abgewrackte Scheune sein, die nüchterne, ganz auf den Zweck gerichtete Synchronregie oder aber auch die in Stein, Holz und Glas gemeißelte Regieraum-Skulptur. Bestimmte Elemente überdauern allerdings jede zeitgenössische Strömung in einem Studio. Grob gesagt, zwischen Mikrofon und Lautsprecher ist alles austauschbar, Mikrofon und Lautsprecher selbst aber bleiben. Diejenigen, die in der Technik ein Mittel zum Zweck sehen, würden möglicherweise die Kaffeemaschine als zentrales Element eines Studios betrachten. Ich erinnere mich noch an einen Besuch in Bernie Grundmans Masteringstudio in der Gower Street am Santa Monica Boulevard vor vielen Jahren. Dieser alte Fuchs kaufte alle Lagerbestände bestimmter Rohlinge für das Brennen von Premaster-CDs, die für seine Ohren am besten klangen, ließ in der eigenen Werkstatt Mastering-Konsolen entwickeln und fertigen, prüft jedes Kabel auf klangliche und elektrische Eigenschaften, weil ihm eigentlich nichts gut genug ist – und was zeigt er mir als erstes, der ich voller Erwartung die heiligen Hallen sehen möchte? Richtig, mit stolzgeschwellter Brust seine Espresso-Maschine! – Was ist denn heute wichtig in einem Studio? Die DAW-Marke als Beweis für die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Anwendergruppe? Die Länge der Plug-In-Liste? Die Zahl der Bildschirme? Richtig, immer noch das Mikrofon, der Lautsprecher und die Kaffeemaschine, aber auch die Raumakustik. Keine ganz neue Strömung, dafür aber auf viel breiterer Front, ist die Frage nach frischer, zumindest aber kühler Luft und nach Tageslicht. Wir stellen erfreut fest: die Raumakustik und das damit in der Regel verbundene Design, die Kaffeemaschine, gutes Klima und Tageslicht – dies sind alles Dinge, die mit dem Wohlbefinden zu tun haben, desjenigen, der die ansonsten austauschbare Technik bedient. Das ist doch eine wirklich positive Entwicklung, die ich auch in meinem zweiten Berufsleben als Studioplaner mit steigender Tendenz beobachten kann. Der erfahrene Toningenieur kauft sich vor allem erst einmal einen gesunden, ergonomisch ausgereiften und komfortablen Regiestuhl, in dem er fortan den größten Teil des Tages verbringen muss. Die Wartungsintensität für Studiotechnik hat im letzten Jahrzehnt rapide angenommen, weil immer weniger Hardware zum Einsatz kommt. Auf der anderen Seite steigt der Wunsch nach durchdachter Arbeitsergonomie, da Bildschirmarbeit zu den ungesundesten Tätigkeiten gehört, die man sich vorstellen kann. Es gibt viele anstrengende und harte Arbeiten, die wahrscheinlich keiner von uns gerne machen würde, aber den ganzen Tag sitzen kann auch zur Folter werden. Also wollen wir wenigstens in gut klimatisierten Räumen unser Rückenleiden ausleben und Tageslicht sehen können, damit sich unsere biologische Uhr nicht verstellt. Leider, das sage ich als Studioplaner, gehören gute Luft und Tageslicht zu den teuersten Anschaffungen, die man sich für ein Studio vorstellen kann, neben der Raumakustik und der Ruhe, die uns ein fachgerecht geplanter Schallschutz beschert. Oft reicht das Budget nicht, um all diese wichtigen Forderungen auf einmal umsetzen zu können. Aber immerhin scheinen wir mehrheitlich gelernt und verstanden zu haben, dass es viel wichtiger ist, in Dinge zu investieren, die uns selbst gesund und leistungsfähig halten. Denn ohne uns ist die ganze angebetete technische Herrlichkeit ja wirklich keinen Cent wert und sie wechselt eigentlich ständig, wenn man es in der Rückschau betrachtet…