Geheimhaltungstaktik

Vielleicht geht es Ihnen ja auch so: Immer häufiger gelangt gute Musik, was immer man konkret darunter verstehen mag, nur durch Zufall in meine Hände oder besser, an meine Ohren. Fest steht auch für die überwiegende Zahl dieser (Zu)Fälle, dass es sich dabei nicht gerade um Top-40-Kandidaten handelt. Und so ganz langsam drängt sich mir der Verdacht auf, dass uns ‚gute Musik' absichtlich verschwiegen, zumindest aber der Zugriff darauf erschwert werden soll. Ein wichtiger Bestandteil dieses von mir vermuteten Komplotts ist die Art und Weise, wie öffentlich-rechtliche Rundfunk- und Fernsehanstalten ihren Kulturauftrag verstehen. Aus der Tatsache, dass Gebührengelder wie ein niemals endender warmer Regen in die Kassen fließen, ohne dass man auf der Empfängerseite großartig etwas dazu beitragen müsste, sollte sich doch eine gewisse Unabhängigkeit von Einschaltquoten konstruieren lassen. Ich kann durchaus verstehen, wenn ein kommerzieller Sender unter dem Druck zu erreichender Zuhörer- und Zuschauerzahlen das produziert und sendet, was er als breiten Publikumsgeschmack zu erkennen glaubt, um seine Werbeeinnahmen zu sichern, obwohl ich manchmal nicht wahrhaben mag, welche Programminhalte dazu geeignet sind. Radio und Fernsehen sind neben Fachzeitschriften und Internet die wichtigsten Informationsquellen, um neue oder alte musikalische Inhalte und Richtungen kennen zu lernen, die abseits des Mainstreams angesiedelt sind. Naturgemäß entscheiden Radiosender an vorderster Front darüber, von welcher Musik wir erfahren und von welcher nicht. Die Beschränkung auf eine Hit-Rotation mit ein paar hundert Titeln pro Woche führt zwangsläufig dazu, dass wir nur von einem Bruchteil der tatsächlichen Veröffentlichungen Kenntnis erhalten. Was für einen kommerziellen Sender typisch ist, sollte für einen öffentlich-rechtlichen Sender untypisch, ja nicht einmal gestattet sein. Mit der fortschreitenden Anpassung öffentlich-rechtlicher Sender an die kommerziellen Formate versendet sich schließlich auch die Grundlage ihrer Existenzberechtigung, denn ‚Einfalt statt Vielfalt' ist nirgendwo als das Wesen eines Kulturauftrags definiert. Und so muss einer wie ich auf den Zufall hoffen, aus Versehen mit der Hand im CD-Verkaufsregal zu verrutschen, um von einer Musikveröffentlichung zu erfahren, über die mich eigentlich ‚mein' Radio hätte informieren müssen. Ich möchte hier nicht die Debatte über den Anteil deutscher Musikproduktionen in deutschen Sendern neu entfachen, denn ‚gute Musik' nimmt prinzipiell keine Rücksicht auf sprachliche Herkunft, sondern vielmehr an ‚mein' öffentlich-rechtliches Radio appellieren, damit aufzuhören das zu kopieren, was kommerzielle Sender populär macht, denn sonst muss ich leider meine Gebühreneinzugszentrale davon in Kenntnis setzen, dass Schluss ist mit dem automatischen Geldsegen für ein Programm, dass mich auf einem bestimmten Gebiet dumm macht und glauben lässt, jenseits der Top-40-Grenze gäbe es keine Musik. Leider kann dies nur eine leere Drohung sein, denn die öffentlich-rechtliche Einnahmequelle ist per Gesetz verordnet, verbunden mit dem Recht, meine Habe zu pfänden, mein Konto zu sperren, mich in Beugehaft zu nehmen, falls ich mich als nicht zahlungswillig erweisen sollte. Und so ganz kann ich auch dem Argument nicht folgen, dass das Publikum nichts anderes fordert als der öffentlich-rechtliche oder auch der kommerzielle Rundfunk sendet. Vor einiger Zeit erstürmte eine junge, außergewöhnlich talentierte Sängerin namens Norah Jones die Hitparaden mit einer musikalischen Stilrichtung, die ich dort am allerwenigsten vermutet hätte: romantischer Jazz, in Vollendung vorgetragen und produziert. Während ich dies schreibe, hat sie gerade in New York auch noch fünf Grammys in allen Kategorien abgeräumt. Das ausgerechnet diese Produktion den Konsumenten zum Kaufen veranlasst, sollte uns doch zweifelsfrei klar machen, dass man das Publikum einfach nur informieren muss, denn es ist gar nicht so anspruchslos, wie Musikindustrie und Programmmacher uns im Einklang ständig einreden wollen. Selbst die Top-40 könnte so wieder zu einem Ort musikalischen Talents umgeformt werden. Liebe Radiokollegen der öffentlich-rechtlichen Fraktion, spielt anspruchsvolle Musik, verwöhnt die Ohren Eurer Hörer mit echten musikalischen Talenten und vor allem: nennt Künstlernamen und Titel, damit man weiß, was man hört und die Musik nicht zum anonymen Füllstoff verkommt. Ihr könnt es Euch schließlich leisten. Gestern lag wieder der obligatorische Brief der GEZ auf meinem Tisch. Bitte gebt mir als Vertreter einer hoffentlich nur vorübergehenden Minderheit das Gefühl, mein Geld nicht aus dem Fenster geworfen zu haben. Programminhalte für Minderheiten sind keine Schande, im Gegenteil, sie sind zugleich Berufung, Auftrag und Privileg für einen öffentlich-rechtlichen Sender, der sich in der glücklichen Position befindet und auch den Einfluss hat, die Ausnahme zur Regel zu machen.

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