Test: UAD-2 EL8 Distressor

Zur Mitte der 1990er Jahre erschuf Dave Derr den einkanaligen Kompressor EL8 Distressor, der mit analogem Signalpfad aber digitaler Steuerung die Anleihen klassischer Kompressor Modelle ‚emuliert’. Der Distortion-Kompressor wurde von uns im Studio Magazin kurz vor der Euro-Einführung vorgestellt, also Anno 2001. Was schätzen Sie, hat ein EL8 Distressor zu D-Mark Zeiten gekostet? Vielleicht können Sie sich ja an den Preis erinnern, weil Sie noch in der alten Landeswährung ein solches Gerät kauften… Verwunderlich wäre das nicht, denn mit über 28.000 Verkaufseinheiten ist er wohl der erfolgreichste Studiokompressor überhaupt. Und einen solchen Verkaufsschlager hatte Firmeninhaber Dave Derr mit seinem Unternehmen Empirical Labs gleich mit der ersten eigenen Produktentwicklung. Er hat also alles richtig gemacht. Und nun wurde diese vor 20 Jahren vorgestellte Hardware, welche verschiedene Kompressoren emuliert, als digitale Emulation in die UAD-2 DSP Ebene gebracht. Auch wenn diese Geschichtsentwicklung durchaus amüsant ist, sehen wir diese Portierung als verdiente Wertschätzung der Hardware. Darauf haben viele gewartet. Wer ein UAD-2 DSP-System besitzt, kann nun eine von Dave Derr offiziell abgesegnete, authentische Emulation des Empirical Labs EL8 in seine Plug-In Sammlung an Tonstudioklassikern aufnehmen, für 299 Euro inklusive der Steuer. Wir wollen daher die großartige Entwicklung Dave Derrs erneut betrachten, natürlich mit besonderem Fokus auf die neue Plug-In Variante.

Im Wesentlichen wird der Distressor ja bis heute, fast 22 Jahre später, unverändert von Empirical Labs produziert. Es kamen zwischenzeitlich der British Mode (All-Button Betriebsmodus aus dem LN1176) und ein zusätzlicher Stereo-Link-Modus (Image Link) als Modifizierungen hinzu, die im derzeitigen Hardwaremodell EL8-X schon enthalten sind. Es lassen sich aber auch ältere Geräte von Typ EL8 nachrüsten, da die restliche Schaltung des EL8-X identisch ist. Der Distressor ist schon ein ausgetüfteltes Werkzeug, dessen Erfolg sich zwar auf dessen Klangqualität gepaart mit sehr breitem Anwendungsspektrum begründet, aber maßgeblich wohl durch die Gegebenheiten, mit ihm eigentlich nichts falsch machen und auf Wunsch mühelos selbst starke Kompressionshübe wohlklingend verrichten zu können, wie beispielsweise bis zu 15 bis 20 dB auf Vocals. Wenn der Kompressor Schmutz beisteuert, wurde dieser überwiegend ganz gezielt erwirkt und klingt für unser Gehör geschmackvoll. Dave Derr hat den Distressor bekanntlich mit Optionen ausgestattet, die kontrolliert Klirr erzeugen, wie er etwa bei der Bandsättigung, in Röhrengeräten oder Kompressoren mit Optokoppler auftritt. Wir sehnen uns ja nach ein bisschen Schmutz, nicht-linearen Kennlinien und Verzerrungen, und das ist die Idee hinter dem Distressor Konzept und dessen Ansatz in der Simulation typischer Vintage-Kompression. Dafür ist einem VCA-Block, der die Pegelreduktion übernimmt, ein optional einsetzbarer Klirrgenerator nachgeschaltet. Wird der Klirrgenerator ausgeschaltet, arbeitet Distressor in einem transparenten Modus – wobei er auch hier eine gewisse Farbe beisteuert und natürlich bei sehr schnellen Regelzeiten und bestimmten Signalstrukturen durch den Regelprozess automatisch zu einer Signalverzerrung führen kann. Es handelt sich hier um einen rückwärtsgeregelten Kompressor. Wie sollte es auch anders sein, bei einer Entwicklung, die verschiedene klassische Kompressoren nachbilden möchte. Das Signal hinter dem Klirrgenerator-Modul wird abgezweigt und dem Detektor und Hüllkurven-Generator der Sidechain zugeführt. Diese Rückkoppelung bewirkt eine automatische Stabilisierung des Regelkreises, verzeiht dadurch eher eine extreme Einstellung, führt aber auch zu einer Verfälschung der Signalstruktur durch die Kompression, da eine auftretende Kompression sofort das Messergebnis der Sidechain beeinflusst und dem ursprünglichen Signalverlauf nicht mehr entspricht. Das klingt für unsere Ohren aber wiederum wohlwollend, weswegen mit solchen Designs oft warme oder farbige Klangstrukturen verbunden werden.